Theorie und Praxis werden an der David-Roentgen-Schule im Unterricht seit jeher eng verzahnt: „Ich hatte selber eine Ausbildung zum Chemikanten gemacht und kenne die Prämisse, dass gerade die Regelungstechnik ein sehr trockenes und sehr schwer verständliches Thema sein kann“, erinnert sich Christian Hagedorn, Chemielehrer an der David-Roentgen-Schule, an seine eigene Ausbildung zurück. Grund genug für ihn, das recht dröge Unterrichtsthema einmal anders anzugehen. „Als ich das entsprechende Lernfeld übernommen habe, wollte ich versuchen praktische Aspekte mit in das Lernfeld einfließen zu lassen. Zusammen mit den Chemikanten wurden Ideen gesammelt, wie eine praktische Lösung aussehen könnte“, erklärt er. Eine verfahrenstechnische Modellanlage sollte so entstehen, hatte man sich zum Ziel gesetzt. Mit viel Engagement setzte Hagedorn seine Idee in die Tat um. Seit einiger Zeit lässt die Anlage so die Theorie für die Chemikant*innen greifbar werden.

„Mit der Anlage sollen den Schüler*innen verfahrenstechnische Abläufe nähergebracht werden. Mithilfe verschiedenster Sensoren (Messfühler für z.B. Durchflussmessung) und Aktoren (z.B. Pumpen) kann simuliert werden, was in großtechnischen Anlagen abläuft. Von der Betrachtung einer einfachen Programmierung bis hin zu komplexen Regelungsvorgängen können Schüler*innen verschiedene Lernszenarien durchlaufen und so systematisch ihr Verständnis für Verfahrenstechnik aufbauen“, erklärt Christian Hagedorn die Idee hinter der Anlage.
Gebaut wurde die Anlage im fächerübergreifenden Unterricht mit den Mechatroniker*innen. Diese entwickelten auf Grundlage der Vorstellung der Chemikant*innen ein entsprechendes Gerüst, bauten die Anlage auf, verkabelten diese und fertigten eine erste Programmierung an.
Die ersten Schritte auf dem Weg zur fertigen Anlage waren dabei steinig: „Zuerst versuchte ich Geld aus dem Schuletat zu erhalten. Da die Schule jedoch kaum Gelder hat, war dieser Gedanke schnell passé. Ich schrieb die Chemiefirmen, die Schüler*innen an unserer Schule haben an, erklärte ihnen das Konzept und konnte Geldspenden in Höhe von ca. 10.000 Euro einnehmen. Weiterhin konnte ich Firmen (z.B. GEMÜ) überzeugen, uns im Preis stark entgegen zu kommen“, erinnert er sich.
Ein Teil der Technik wurde im Rahmen eines Wettbewerbs von PhoenixContact zur Verfügung gestellt. Dort reichte das Team seine Idee bzw. das Vorhaben ein und wurde z.B. mit SPS-Steuerungen und Bedieneinheiten unterstützt. Im Laufe der Zeit fanden sich noch weitere Sponsoren wie z.B. Endress + Hauser, welche verschiedene Sensoren zur Verfügung stellten.
Aktuell wird die Anlage vorwiegend im Unterricht der Chemiekant*innen, Wasserversorger*innen und Abwasserentsorger*innen eingesetzt. Hier werden ihnen z.B. Anfahrweisen von verschieden Pumpen oder die Funktionsweise verschiedener Sensoren erläutert. Die Schüler*innen haben die Möglichkeit, selbst Steuerungsprogramme zu schreiben, welche sie auf die Anlage überspielen können. Sie können mit verschiedenen Regelungsparametern arbeiten und schauen, wie die Anlage auf diese Veränderung reagiert. Alles Dinge, die die Schüler*innen in ihren Betrieben aus guten Gründen nicht machen dürfen bzw. können.
Auf dem Erreichten möchte sich Christian Hagedorn aber nicht ausruhen: „Am liebsten hätte ich eine kleine Anlage, die einen kompletten Herstellungsprozess widerspiegelt. Dies wird in naher Zukunft allerdings eher nicht zu realisieren sein, da neben dem fehlenden Geld auch die Räumlichkeiten an unserer Schule recht knapp bemessen sind. Nichtsdestotrotz wird die Anlage erweitert. Aktuell sind wir dran, eine UV-Anlage, welche uns von der Firma Grünbeck gesponsort wurde, einzubauen. So eine AV-Anlage wird in größerem Maßstab in Wasserwerken zur Trinkwasseraufbereitung eingesetzt und soll hier einen ähnlichen Zweck erfüllen, nämlich das „Haltbarmachen“ unseres Prozesswassers“, wünscht er sich.
Den Schüler*innen bereitet das Arbeiten mit der bestehenden Anlage auf jeden Fall große Freude. „Hin und wieder gibt es eine anfängliche Skepsis, die sich jedoch schnell legt. Durch das eigenständige Arbeiten an der Anlage können die Schüler*innen Themen besser verarbeiten. Teilweise verstehen Schüler*innen auch erst an der Anlage, was in der Theorie zuvor im Unterricht besprochen wurde, da sie so einen praktischen Bezug zum Thema haben“, freut sich Hagedorn.
Belohnt wurde das Engagement unlängst auch ganz offiziell: Christian Hagedorn wurde mit dem Preis für Berufsschullehrer 2019 im Bereich der Chemieausbildung (ausgeschrieben vom VCI) ausgezeichnet.